„LifeScrum” - Werte anstatt Ziele für ein gutes Leben?

Viele nützliche Erfindungen fußen auf einem ganz einfachen Prinzip: Beobachten und adaptieren. Taucherflossen sind den Schwimmhäuten von Fröschen nachempfunden, die Flügel eines Flugzeugs denen von Vögeln und wie ein Taubenschwarm Brotkrümel vom Boden aufsammelt, bestimmt heutzutage maßgebliche Dynamiken auf unseren Börsen. (Filmtipp dazu: "A Beautiful Mind")
Aber warum sollten wir uns nur von der Natur inspirieren lassen, um Herausforderungen in unserem Leben zu lösen? Spannen wir den Rahmen von "Beobachten und adaptieren" doch einfach einmal größer und nehmen uns eine der größten Fragen und Herausforderungen eines menschlichen Lebens vor: "Was ist der Sinn des Lebens?"

42

Die Antwort könnte nach Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis" ach so einfach sein. In seinem Roman stellt sich eine besonders fortgeschrittene Spezies auf irgendeinem Planeten die Frage: "Was ist die Antwort? Die Antwort auf das Leben, das Universum, auf alles?" Sie bauen einen riesigen Computer, der 7,5 Mio. Jahre rechnet und nach all dieser Zeit verkündet er mit selbstbewusster Stimme: 42. Zunächst verdutzt schauend, kippt die Stimmung seines Publikums ziemlich schnell in erbostes Klagen. Der Computer antwortet allerdings nur: "Erst wenn ihr die Frage kennt, werdet ihr wissen, was die Antwort bedeutet."
Diese Geschichte illustriert doch wunderbar unsere Misere. Das Leben, das Universum - all das ist so komplex, dass es selbst für eine hochentwickelte extraterrestrische Spezies unmöglich zu sein scheint, ein absolutes Verständnis dafür zu erlangen.
Doch die Erzählung geht noch weiter: Um jetzt wiederum die passende Frage zur Antwort "42" herauszufinden und damit das erkenntnishungrige Völkchen endlich zufrieden zu stellen, entwirft der Supercomputer den Bauplan für einen weiteren, noch viel leistungsstärkeren Rechner. Dieser ist so groß und seine Struktur mit dem organischen Leben selbst so verwoben, dass man ihn gar nicht mehr als Computer erkennt: Es entsteht der Planet Erde. (Quelle)
Wären wir also nach dieser Geschichte in der Lage, tatsächlich den Sinn des Lebens, des Universums und allem herauszufinden? Ohne zu viel spoilern zu wollen, aber die ganz klare Antwort ist: Jein.
Und genau mit diesem Gefühl der Ungewissheit tauchen wir jetzt wieder gemeinsam auf und stellen uns nochmal ungeduldig die Frage: "Ja, aber was ist denn jetzt der Sinn des Lebens, meines Lebens?!?!?1"

Das Leben als Selbstzweck

Das geflügelte Wort "Ich weiß, dass ich nichts weiß." ist wohl jedem von uns ein Begriff. Wir kennen auch das Gefühl dazu. Je mehr wir uns in ein sehr komplexes Thema einarbeiten, desto mehr stellen wir fest, wie groß der Ozean der Überraschungen und des Nicht-Wissens tatsächlich ist. Und irgendwann kommen wir zu dem Schluss: "Ich weiß, dass ich nichts weiß - oder zumindest fast nichts."
Wenn wir uns die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, beschäftigen wir uns mit einem der komplexesten Themen überhaupt: Dem Leben selbst.
Aber warum ist das Leben komplex? Weil es wie gesagt ein extrem hohes Maß an Überraschungen bereit hält. Auf der kleinsten biologischen Ebene passieren beispielsweise ständig scheinbar willkürliche Mutationen und wenn wir herauszoomen und unser ganz persönliches Menschenleben betrachten, passieren auch hier ständig Dinge, mit denen wir nicht rechnen. Wir wissen de facto nicht, was morgen sein wird. Alles hängt irgendwie zusammen und es gibt im wahrsten Sinne des Wortes unfassbar viele Dinge, die sich gegenseitig beeinflussen. Das macht das Leben hoch komplex und für uns nicht in seiner Gesamtheit erfassbar - und was wir nicht erfassen können, dafür können wir keine zuverlässigen Vorhersagen, oder endgültigen Schlussfolgerungen treffen.
Was können wir also über den Sinn des Lebens sagen? Wir wissen, dass wir nichts wissen. Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit. Und wenn wir uns die Frage nach dem Sinn des Lebens stellen, können wir deshalb nur sagen, dass die einzig logische Antwort einfach das Leben selbst ist - sowohl im ganz Kleinen, wie auch im ganz Großen. Gehen wir für den Moment einfach einmal davon aus: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst - und du und ich, wir, sind einfach ein Teil davon.
Lass das mal einen Moment wirken und lies dann weiter.

Vielleicht fühlt sich diese einfache Antwort jetzt wahnsinnig plump und deshalb auch irgendwie unbefriedigend, oder sogar belastend an. Andererseits könnte sich auch gerade ein befreiendes Gefühl breit machen, weil diese Antwort so einfach ist. Kann es echt so leicht sein, oder ist das nur wieder so ein Kalenderspruch-Gedanke, mit dem man in der Praxis nicht wirklich etwas anfangen kann? Alle diese Gedanken und Gefühl sind absolut okay und vor allem auf die letzte Frage will ich im Folgenden die Antwort geben, die ich momentan vertrete.

Okay Leute, Taktik-Besprechung.

Weil der Sinn des Lebens also einfach das Leben selbst ist, weil es zu komplex für einen “richtigen” Weg ist, macht es keinen Sinn, dass wir vermeintlichen End-Zielen hinterher laufen, von denen wir uns für das Sterbebett ein wohliges Gefühl versprechen. Weg mit den Scheuklappen und akzeptieren wir die Tatsache, dass es keine endgültige Antwort und keinen perfekt durchdachten Plan für das eigene Leben geben kann. Es ist einfach zu komplex und das ist gut so.
Ich schlage also folgende Taktik vor: Anstatt uns auf langfristige Ziele zu versteifen, verfolgen wir ab jetzt nur noch langfristige Werte. Und Ziele benutzen wir ab sofort nur noch kurz- und mittelfristig. Okay? Dann los! Hut! Hut! Scrum! 🏈

Moment mal! Scrum? Was ist das? Falls dir Scrum noch kein Begriff sein sollte, dann lies einfach entspannt weiter. Ich erkläre es dir im folgenden Abschnitt.

Scrum für's Leben

Scrum ist eigentlich ein Rahmenwerk für agiles Projektmanagement und hat seinen Ursprung in der Software-Entwicklung. "Langweilig!" denkst du dir jetzt? Na da irrst du dich aber gewaltig! Scrum hat in den letzten paar Jahrzehnten bewiesen, dass es extrem gut mit hoch-komplexen Umgebungen und Herausforderungen in nahezu jedem Bereich des Lebens funktioniert. Es wird übrigens sogar schon in manchen Schulen eingesetzt und auch dort verzeichnet man enorme Erfolge, weil Lernen ein sehr komplexer Prozess ist und agil zu arbeiten hier oft einfach besser funktioniert - im Durchschnitt eine ganze Notenstufe besser.
Ein Kerngedanke von Scrum ist es, keine langfristigen Ziele mehr zu verfolgen, sondern stattdessen werteorientiert zu handeln. Man konzentriert sich also darauf, Werte zu maximieren, indem man sich kurzfristige, konkrete und erreichbare Ziele setzt. Aber damit es noch klarer wird, übertragen wir das Ganze einmal auf unsere eigentliche Herausforderung: Ein “gutes” Leben führen.
Wenn wir diesen wertemaximierenden Charakter von Scrum also übertragen, bedeutet das Folgendes: Im ersten Schritt bedeutet es, dass wir ausgearbeitete Schablonen und Masterpläne von der Gattung "Job finden 💰 > Partner*in finden 💕 > Kinder kriegen 👶 > Haus bauen 🏡 > ... > Tod 💀" verwerfen. Wir gehen ja aufgrund der Komplexität des Lebens davon aus, dass es gar keinen Masterplan geben kann - also weg damit.
Damit verwerfen wir sogar die großen Lebensziele, mit denen wir uns vorgaukeln, dass wir durch ihre Erreichung endlich ein glückliches und sinnvolles Leben führen würden. Das ist übrigens der Moment, in dem du sehr, sehr, sehr ehrlich zu dir selbst sein musst - also wirklich richtig gnadenlos ehrlich. Man redet sich nämlich an dieser Stelle gerne heraus und sagt sich: "Ja, aber wenn ich XY hätte - das will ich halt schon und das macht mich dann auch glücklich." Die Verlockung dabei ist, dass wir uns von diesen “Lebenszielen” anhaltendes Glück versprechen und das ist, wenn wir mal richtig ehrlich sind, unrealistisch. Ich möchte dir kurz erklären, wie ich zu diesem Schluss komme: Ich bin zu der Zeit, in der ich diesen Text schreibe, 32 Jahre alt. In meinem Alter erreichen gerade viele Menschen sogenannte "Lebensziele". Und weil ich einfach gerne beobachte, verfolge ich auch sehr gespannt, wie glücklich die Menschen davor und danach sind. Sie heiraten, bekommen Kinder, bauen Häuser und machen Weltreisen. Sie erreichen also die Ziele, die die Gesellschaft und auch wir selbst oft als die größten Lebensziele überhaupt bezeichnen. Das Ergebnis ist:

  1. Menschen die davor glücklich waren, sind es auch danach noch. Und was viel wichtiger ist:
  2. Menschen, die davor unglücklich waren, sind danach ganz kurz glücklich und fallen dann wieder auf in etwa das Level zurück, auf dem sie zuvor waren.
    Um ehrlich zu sein habe ich auch einige Fälle direkt miterlebt, in denen die Menschen danach sogar noch unglücklicher wurden, weil sie sich zu viel vom Erreichen des lange angestrebten Ziels versprochen haben. Und genau das ist der Knackpunkt: Wir setzen uns ein Ziel, wir erreichen es, wir erleben ein kurzes Hoch und danach verfliegt es auch wieder. An dieser Stelle sei gesagt, dass es natürlich eine Bereicherung sein kann, ein Kind zu bekommen, oder ein Haus zu bauen, aber wir haben diese Ziele so sehr romantisiert, dass uns die Realität später oft um die Ohren fliegt. Wenn wir Ziele erreichen, dann geht es danach einfach weiter. Deshalb schlage ich vor, dass wir ab jetzt nur noch von Zwischenzielen sprechen - und die zu haben ist eine tolle Sache!

1. Lebensziele rückbauen, Werte verfolgen

Puuuh, das hört sich nach einer Herausforderung an, oder? Keine Sorge, damit bist du in guter Gesellschaft und gemeinsam bekommen wir das hin. Also was meine ich damit, dass wir unsere Lebensziele loslassen sollen?
Oft sind Lebensziele etwas, worauf wir hinarbeiten und sobald wir sie erreicht haben, merken wir, dass dahinter plötzlich eine seltsame Leere ist. Der gut bezahlte Job, ein Ferienhaus, Kinder, eine Weltreise...was auch immer. Felix Lobrecht kennt dieses Gefühl und vielleicht kennst du es auch: Die Befriedigung, wenn man so ein Ziel erreicht hat, hält nicht ewig und oft nicht mal lange an. Unser Gehirn läuft gerne extrinsischen Motivationen hinterher, die in Form von Schablonen für ein "gutes Leben" daher kommen und wir versprechen uns davon dann gerne endgültige Glückseligkeit. Aber erreichen wir diese fixen Ziele, kommt meistens schnell die Ernüchterung: Irgendwie fühlt es sich doch leer an.
Deshalb eignen sich Ziele meiner Meinung nach gar nicht so gut als Kompass für unser Leben. Viel besser ist es, wenn wir unser Leben also nach Werten ausrichten. Ein Wert wie zum Beispiel “Klimaschutz” gibt uns auch eine ganz klare Richtung vor, aber anstatt ihn zu erreichen, zahlen wir einfach immer mehr und mehr auf ihn ein und machen ihn dadurch immer wertvoller.
Als ich darüber nachgedacht habe, fand ich das sehr befreiend. Halte mal kurz inne und überlege dir, wie es wäre, dein Leben nach deinen persönlichen Werten auszurichten. Werte, die dir wirklich wichtig sind und die dir, egal wie viel du zu ihnen beiträgst, immer ein positives Gefühl geben. Sie sind der Weg und nicht das Ziel.

Es gibt keine Ziele mehr, die du für ein glückliches, erfolgreiches oder gutes Leben erreichen musst. Es gibt nur noch Werte, die du in jeden neuen Tag mitnimmst. Und am Ende, wenn deine Lebenszeit vorbei ist, wirst du merken, dass du ganz viele Ziele erreicht hast - einfach nur, weil du deinen Werten gefolgt bist.

Also - Let's keep it simple: Anstatt der langfristigen Ziele, mit denen wir uns selbst ein romantisiertes und ewiges Glück versprechen, sprechen wir ab jetzt nur noch von Zwischenzielen und legen uns diese Ziele außerdem lediglich kurz- und mittelfristig. Der langfristige Kompass sind ab jetzt deine für dich wichtigsten Werte.

2. Werte finden

Die Suche nach Werten, die einem selbst am wichtigsten sind, ist eine Herausforderung. So ehrlich muss ich zu dir sein. Auch deine Werte haben übrigens nicht den Anspruch, in Stein gemeißelt zu sein. Aber sie sollten stabil sein und dafür müssen sie wirklich von innen heraus kommen. Mach dir also ein gemütliches Getränk, such dir einen entspannten Platz und lies dann weiter.
Die Suche nach deinen wichtigsten Werten erfordert es also, dass du sehr ehrlich zu dir selbst bist und du dich vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben tatsächlich fragst: "Was ist mir wirklich wichtig?" Falls du dir diese Frage schon lange stellst, aber keine Antwort finden kannst, liegt das vermutlich daran, dass du dir erlauben solltest, dich mal ein bisschen zu entspannen. Es gibt kein Fleißbienchen für total verkopftes Werte-Finden. Also, nimm einen Schluck von deinem Getränk und lies weiter.
Eine gute Inspirationsquelle für Werte sind für mich zum Beispiel die 17 Ziele der UN. Clevere Spezialisten aus aller Welt haben diese Liste ausgearbeitet, um weltweit für ein besseres Leben zu sorgen. Vielleicht helfen auch dir diese Ziele dabei, die Werte herauszufinden, die du maximieren möchtest. Was davon spricht dich am meisten an? Dahinter verstecken sich deine Werte. Ein Tipp am Rande: Weniger ist mehr. Es ist natürlich klar, dass es viele tolle Werte gibt, aber nimm dir für den Moment einfach mal drei heraus, die du aktiv in deinem täglichen Handeln ab jetzt maximieren möchtest. Mit "täglichem Handeln" meine ich genau das: In der Arbeit, wenn du mit anderen Menschen diskutierst, beim Einkaufen und vor allem auch dann, wenn du dich mit dir selbst beschäftigst. Frag dich im Rahmen deiner Werte-Findung also, von welchen Werten du und gleichzeitig alle anderen profitieren. Das sind gute Werte. Übrigens: Du kannst deinen Fokus, also deine Werte, natürlich mit der Zeit ändern. Nimm es leicht. Anstatt ewig zu grübeln, leg dich lieber jetzt, nach einer kleinen Weile der Werte-Recherche mit dir selbst, einfach mal fest.
Falls du nicht weißt, wie du anfangen sollst, deine Werte zu finden, dann schreibe mir gerne eine E-Mail und ich werde versuchen, mir kurzfristig Zeit für eine kleine Starthilfe für dich zu nehmen. 👍

Hast du ein pa42 Werte gefunden?

Super! Dann kann es ja losgehen. Wenn du noch nicht das Gefühl hast, dass diese Werte "perfekt" sind, dann nochmal: Entspann dich und tätowiere dir Folgendes am besten direkt auf die Stirn, damit du es dir jeden Morgen beim Zähneputzen in Erinnerung rufen kannst: Mit Werten kannst du nur gewinnen. Jedes Streben nach Werten ist schon ein Erfolg.

3. Sprints und schnelle Ziele

Wenn du jetzt also deine Werte hast, dann nimm sie in jeden Tag als Begleiter mit. Außerdem empfehle ich dir, ab jetzt in sogenannten “Sprints” zu denken. Ein Sprint ist zum Beispiel immer zwei Wochen, aber nie mehr als einen Monat lang. Die Sprintlänge ändert sich auch nicht. Am Anfang eines Sprints setzt du dir ein Ziel, das zu deinen Werten beiträgt. Dieses Ziel muss so formuliert sein, dass du am Ende des Sprints ein einsetzbares Ergebnis hast. Du könntest dir also zum Beispiel das Sprint-Ziel setzen: “Meine CO2-Emissionen im Alltag senken.” Wenn dieses Ziel klar ist, überlegst du dir, was in dem zeitlichen Rahmen eines beispielsweise zweiwöchigen Sprints möglich ist. Schaffst du es, deine Ernährung in der Zeit umzustellen? Ja, vermutlich. Schaffst du es, dein Auto zu verkaufen und komplett aufs Fahrrad umzusteigen? Dafür bräuchte es vermutlich einen eigenen Sprint. Super! Material für die folgenden zwei Wochen! Und so kann das funktionieren. Jeder Sprint beginnt direkt nach dem Vorherigen. Am Anfang eines jeden Sprints überlegst du dir ein Sprint-Ziel und die dafür umsetzbaren Aufgaben. Denke daran, dass es nicht um Perfektion geht, sondern vor allem darum, wirklich nach jedem Sprint ein einsetzbares Ergebnis zu haben.


Wie findest du diesen Text? Soll ich ihn noch weiter ausbauen, oder ist es schon genug? Ich freue mich auf dein Feedback!

Happy LifeScrumming!
Nepomuk

P.S.: Übrigens gibt es hier schon mal einen nochmal deutlich stärker auf Scrum bezogenen Text, den du vielleicht auch gut findest: Scrum for life @ Scrum.org

Los geht's!

Fragen kostet nichts

Alles beginnt mit einer ersten Nachricht, einem ersten Treffen und gemeinsam entstehen tolle Erfolgsgeschichten daraus.

Ich schreibe dir jetzt einfach mal